Hund alleine bleiben: Trainingsplan + Expertentipps

Ein Hund alleine zu lassen ist eine der häufigsten Alltagssituationen im Hundeleben – und gleichzeitig eine der am meisten unterschätzten Herausforderungen für Halter. Ob Welpe oder Senior, ob kurze Stunde oder langer Arbeitstag: Wie lange und unter welchen Bedingungen ein Hund alleine bleiben darf, hängt von Alter, Charakter, Training und gesetzlichen Vorgaben ab. Dieser Artikel gibt dir einen vollständigen, praxisnahen Überblick.

Kurz zusammengefasst:

Gesunde erwachsene Hunde können bei guter Gewöhnung vier bis maximal sechs Stunden alleine bleiben. Welpen schaffen anfangs nur wenige Minuten. Das Tierschutzgesetz schreibt keine exakte Stundenzahl vor, verlangt aber artgerechte Haltung und ausreichende Sozialkontakte. Trennungsangst ist häufig – und trainierbar.

⚠ Wichtiger Hinweis
Trennungsangst ist eine ernst zu nehmende Verhaltensstörung, die ohne professionelle Unterstützung chronisch werden kann. Wenn dein Hund trotz Training unter starkem Stress leidet, solltest du einen erfahrenen Verhaltenstherapeuten oder Tierarzt hinzuziehen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Welpen: maximal 1–2 Stunden, sehr schrittweise aufbauen
  • Erwachsene Hunde: bis zu 4–6 Stunden bei guter Vorbereitung
  • Senioren: kürzere Intervalle, häufigere Kontrollen nötig
  • Trennungsangst zeigt sich durch Bellen, Zerstörung und Unsauberkeit
  • Das Training beginnt mit Sekunden – nicht mit Stunden
  • Professionelle Hilfe zahlt sich früh aus, nicht erst im Notfall
MR

„Das größte Missverständnis beim Alleine-Bleiben-Training ist, dass Hundehalter zu früh zu lange wegbleiben. Ich sage meinen Klienten immer: Fang mit 30 Sekunden an. Das klingt lächerlich – bis man sieht, wie viel Sicherheit das einem Hund gibt.“

Markus Reinhardt – Hundetrainer & Verhaltensberater, spezialisiert auf Trennungsangst, 14 Jahre Praxiserfahrung, Mitglied im BHV

Warum fällt es Hunden schwer, alleine zu bleiben?

Hunde sind Rudeltiere. Soziale Isolation widerspricht ihrem Grundbedürfnis nach Bindung – was Stress und im schlimmsten Fall Trennungsangst auslöst.

Wer schon mal beobachtet hat, wie ein Hund an der Wohnungstür kratzt, obwohl man nur den Briefkasten geleert hat, versteht instinktiv: Für dieses Tier ist Alleinsein kein neutraler Zustand. Hunde haben sich über Jahrtausende als soziale Begleittiere des Menschen entwickelt. Ihre Bindung an die Bezugsperson ist neurobiologisch verankert – ähnlich der Mutter-Kind-Bindung bei Säugetieren.

Entscheidend ist, dass das Alleinsein aktiv und positiv erlernt werden muss. Kein Hund kommt mit dieser Fähigkeit auf die Welt.

Wie lange darf ein Hund alleine bleiben?

Als Richtwert gilt: maximal 4–6 Stunden für gesunde Erwachsene. Welpen, kranke oder sehr alte Hunde brauchen deutlich häufigere Betreuung.
Altersstufe Empfohlene Maximalzeit Besonderheiten
Welpe (bis 6 Monate) 1–2 Stunden Alle 1–2 Std. Gassi, keine langen Intervalle
Junghund (6–18 Monate) 2–3 Stunden Starke Sozialbindung, leicht überforderbar
Erwachsener Hund 4–6 Stunden Nur bei guter Gewöhnung und ausreichend Auslastung
Senior (ab 8–10 Jahren) 2–4 Stunden Häufigerer Harndrang, gesundheitliche Kontrolle nötig

Was sagt das Tierschutzgesetz zum Alleinsein von Hunden?

Das Tierschutzgesetz nennt keine konkrete Stundenzahl, verlangt aber artgerechte Haltung – inklusive ausreichender Sozialkontakte und Beschäftigung.

§ 2 des deutschen Tierschutzgesetzes schreibt vor, dass Tiere ihrer Art und ihren Bedürfnissen entsprechend gehalten werden müssen. Das bedeutet für Hunde: regelmäßige Bewegung, soziale Interaktion und Zugang zu sauberem Wasser. Dauerhaftes Alleinsein über viele Stunden täglich kann als Verstoß gegen diese Vorgaben gewertet werden, wenn der Hund sichtbar leidet oder verwahrlost.

In der Praxis gibt es keine behördliche Kontrolle des Alltags, aber im Streitfall – etwa bei Nachbarbeschwerden wegen dauerhaftem Bellen – können Veterinärämter eingeschaltet werden.

Wie lange darf ein Welpe alleine bleiben?

Ein Welpe sollte anfangs nicht länger als 1–2 Stunden alleine sein. In den ersten Wochen nach dem Einzug möglichst gar nicht.

Die ersten Wochen im neuen Zuhause sind prägend. Welpen orientieren sich komplett an ihrer Bezugsperson und sind schlicht noch nicht in der Lage, emotionale Regulation zu erlernen, wenn sie permanent alleine gelassen werden. Viele Halter unterschätzen, wie stark die ersten Erfahrungen das spätere Verhalten beeinflussen.

Wie lange darf ein Junghund alleine bleiben?

Junghunde zwischen 6 und 18 Monaten tolerieren 2–3 Stunden, wenn sie schrittweise daran gewöhnt wurden.

Die Pubertät macht Junghunde in vielerlei Hinsicht unberechenbar. Gleichzeitig wird in dieser Phase viel Erfahrung gesammelt und gespeichert. Ein Junghund, der in dieser Zeit lernt, dass Alleinsein bedeutet: ruhige Zeit, Kauartikel, angenehme Umgebung – der entwickelt eine stabile Basis für den Rest seines Lebens.

Wie lange darf ein erwachsener Hund alleine bleiben?

Gesunde erwachsene Hunde kommen bei guter Gewöhnung mit bis zu sechs Stunden zurecht – täglich mehr als das ist keine artgerechte Haltung.

Sechs Stunden sind eine Obergrenze, keine Empfehlung. Wer täglich acht oder neun Stunden weg ist, sollte realistische Alternativen einplanen: Hundesitter, Hundetagesstätte oder eine Mittagspause mit Heimweg. Es geht nicht darum, einen Hund zu überfordern – sondern seinen Rhythmus zu respektieren.

Wie lange darf ein alter Hund alleine bleiben?

Senioren brauchen oft mehr Aufmerksamkeit, nicht weniger. 2–4 Stunden sind realistisch; häufigere Pausen und gesundheitliche Checks sind wichtig.

Ältere Hunde schlafen viel, was manchmal den Eindruck erweckt, sie kämen alleine gut zurecht. Aber Inkontinenz, Gelenkschmerzen oder beginnende kognitive Dysfunktion können das Alleinsein zur echten Belastung machen. Ein Senior, der in seiner Abwesenheitszeit Schmerzen hat oder die Blase nicht mehr kontrollieren kann, leidet – auch wenn er es still tut.

Woran erkenne ich, ob mein Hund unter Trennungsangst leidet?

Typische Anzeichen sind: Bellen kurz nach dem Weggehen, Zerstörung, Unsauberkeit und extreme Begrüßungsreaktionen nach der Rückkehr.

Viele Halter erfahren erst durch Nachbarn oder eine Kamera, was ihr Hund wirklich tut, wenn sie weg sind. Ein Hund, der eine Stunde nach dem Weggehen schläft, hat keine Trennungsangst. Einer, der die gesamte Zeit bellend an der Tür steht oder die Couch zerlegt, sehr wohl.

Expert Insight
Trennungsangst manifestiert sich häufig in den ersten 20–30 Minuten nach dem Weggehen besonders intensiv. Eine Kamera zeigt oft, dass sich der Hund danach beruhigt – was bei echter Trennungsangst nicht der Fall ist. Der Unterschied zwischen echter Angst und Langeweile ist entscheidend für die Wahl der Trainingsmethode.

Was sind die häufigsten Symptome von Trennungsangst bei Hunden?

Bellen, Hecheln, Unsauberkeit, Zerstörung, Speichelfluss und selbstverletzende Verhaltensweisen sind klassische Symptome.
  • Dauerhaftes Bellen oder Winseln nach dem Weggehen
  • Zerstörung von Gegenständen, besonders in Türnähe
  • Unsauberkeit trotz ausreichend Gassi-Gängen
  • Übertriebene, unkontrollierbare Begrüßung nach der Rückkehr
  • Hecheln, Zittern oder Speichelfluss in Abwesenheit

Wie gewöhne ich meinen Hund ans Alleinsein?

Systematisch, schrittweise, ohne Druck. Das Ziel ist, dass dein Hund lernt: Du gehst – und du kommst wieder.

Das klingt simpel, ist in der Umsetzung aber ein Prozess, der Wochen dauern kann. Der häufigste Fehler: Man beginnt mit einer Stunde, weil das „ja nicht lang ist“. Für einen Hund ohne Vorerfahrung kann eine Stunde eine Ewigkeit sein.

Welche Trainingsschritte sind beim Alleine-Bleiben-Training wichtig?

Desensibilisierung gegenüber Weggeheritualen, schrittweise Steigerung der Abwesenheit und positive Verknüpfung mit dem Alleinsein sind die drei Kernpfeiler.
  • Wegehsignale neutralisieren (Jacke anziehen, Schlüssel nehmen – ohne wegzugehen)
  • Kurzabwesenheiten üben: erst Sekunden, dann Minuten
  • Positiv verknüpfen: Kauartikel oder Kong nur beim Alleinsein
  • Ruhige Rückkehr ohne große Begrüßungsszene

Wie beginne ich mit dem Training bei einem Welpen?

Beginne in den ersten Tagen damit, kurz aus dem Raum zu gehen – und ruhig zurückzukehren. Sekunden zählen hier, keine Minuten.

Ein Welpe muss zunächst lernen, dass Verschwinden kein Verlust ist. Das passiert nicht durch Reden oder Beruhigen, sondern durch wiederholte, entspannte Erfahrungen. Starte mit dem Verlassen des Raumes für zehn Sekunden. Rückkehr ohne Theater. Wiederholen.

Wie beginne ich mit dem Training bei einem erwachsenen Hund?

Auch bei adulten Hunden gilt: Schritt für Schritt, nicht von null auf eine Stunde. Viele Erwachsene reagieren erstaunlich schnell auf strukturiertes Training.

Bei Hunden aus dem Tierschutz ist besondere Vorsicht geboten – oft sind traumatische Erlebnisse vorhanden, die das Training verlangsamen. Geduld und Konsequenz sind wichtiger als Schnelligkeit.

Wie lange sollten die ersten Trainingseinheiten dauern?

Die ersten Einheiten dauern buchstäblich Sekunden. Mehrmals täglich, immer positiv abschließen.

Fünf bis zehn kurze Wiederholungen über den Tag verteilt sind effektiver als eine lange Session. Das Gehirn eines Hundes lernt durch Frequenz, nicht durch Dauer.

Wie steigere ich die Abwesenheitszeit richtig?

Steigere die Zeit unregelmäßig und nicht linear – mal 3 Minuten, mal 8, mal 2. So lernt der Hund, dass Dauer unvorhersehbar und daher kein Stressfaktor ist.

Ein häufiger Fehler ist, die Zeit täglich gleichmäßig zu erhöhen. Das erzeugt Erwartungsmuster. Variiere stattdessen: einmal kurz, einmal etwas länger, dann wieder kürzer. Kein Tag gleicht dem anderen.

Expert Insight
Die sogenannte „Drei-Sekunden-Regel“ beim Wiedereintritt ist ein kleines, aber wirkungsvolles Werkzeug: Warte nach dem Öffnen der Tür drei Sekunden, bevor du deinen Hund begrüßt. Das reduziert die emotionale Aufladung der Rückkehr – und damit auch die Aufladung des Weggehens.

Welche Rolle spielen Abschiedsrituale beim Training?

Zu intensive Abschiedsrituale erhöhen die emotionale Aufladung – und verstärken Trennungsangst langfristig.

Das lange Verabschieden mit „Ich komme bald wieder, du bist mein Schatz“ klingt liebevoll, signalisiert dem Hund aber Ausnahmezustand. Kurze, neutrale Abgänge sind für anxiöse Hunde tatsächlich schonender.

Sollte ich meinen Hund vor dem Weggehen besonders verabschieden?

Nein – zumindest nicht bei Hunden mit Trennungsangst. Eine kurze Zuwendung ist in Ordnung, aber theatralische Abschiede solltest du bewusst reduzieren. Das Weggehen sollte so unspektakulär wirken wie das Verlassen eines Zimmers.

Was mache ich, wenn mein Hund beim Weggehen bellt oder winselt?

Nicht zurückgehen, nicht durch die Tür rufen. Ruhig warten, bei Stille kurz zurückkehren und loben.

Wer beim ersten Winseln umkehrt, trainiert den Hund dazu, lauter zu werden. Das ist keine Frage von Kälte – sondern von langfristiger Hilfe. Nur wenn der Hund ruhig ist, bekommt er Aufmerksamkeit.

Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich nach Hause komme?

Ruhig, entspannt, ohne übertriebene Begrüßung. Erst nach einigen ruhigen Momenten darf die Begrüßung stattfinden.

Das ist für viele Halter die schwierigste Übung – schließlich freut man sich ja auch selbst. Aber wer seinen Hund beim Heimkommen sofort aufgeregt begrüßt, verstärkt die emotionale Spannung rund ums Alleinsein insgesamt.

Welche Beschäftigungsmöglichkeiten helfen meinem Hund beim Alleinsein?

Kauartikel, Sniffing-Toys, gefüllte Kongs und Schnüffelteppiche sind bewährte Mittel – vorausgesetzt, sie wurden vorher eingeführt.
  • Gefüllter Kong (eingefroren für längere Beschäftigung)
  • Schnüffelteppich mit eingearbeiteten Leckerlis
  • Natürliche Kauartikel wie Hirschstangen oder getrocknete Ohren
  • Intelligenzspielzeug mit Futterversteck

Was ist ein Kong und wie setze ich ihn richtig ein?

Ein Kong ist ein Gummispielzeug, das mit Futter gefüllt und eingefroren werden kann – ideal für längere Allein-Phasen.

Fülle den Kong mit einer Mischung aus Nassnahrung, Frischkäse, Banane oder anderen hundefreundlichen Zutaten, und friere ihn über Nacht ein. Die niedrige Temperatur macht das Ausleeren zur langwierigen Arbeit – oft 20 bis 40 Minuten. Wichtig: Erst draußen oder in der Box anbieten, damit der Hund ihn mit dem Ruheplatz verknüpft.

Sollte ich Musik oder den Fernseher für meinen Hund anlassen?

Leise Hintergrundmusik – besonders klassische Musik oder speziell entwickelte Hundemusik – kann beruhigend wirken. Der Fernseher ist oft zu stimulierend.

Es gibt Studien, die zeigen, dass bestimmte Frequenzen Hunde messbar beruhigen. Das bedeutet nicht, dass jeder Hund ein Radio braucht. Aber wer merkt, dass sein Hund in einer ruhigen Umgebung nervöser wirkt, kann das ausprobieren.

Welche Sicherheitsvorkehrungen muss ich treffen, bevor ich meinen Hund alleine lasse?

Giftige Pflanzen entfernen, Kabel sichern, Müll wegräumen, keine Zugluft – und ausreichend frisches Wasser bereitstellen.
  • Giftige Pflanzen und Reinigungsmittel außer Reichweite
  • Elektrokabel sichern oder verstecken
  • Müll und Essensreste wegräumen
  • Frisches Wasser bereitstellen
  • Fenster und Türen kontrollieren (Sturzgefahr bei Katzen, aber auch Hunde können auf Fensterbänke klettern)

Wo sollte mein Hund bleiben, wenn er alleine ist?

Das hängt vom Hund ab. Ein sicherer, bekannter Bereich ist besser als zu viel Freiraum – vor allem in der Trainingsphase.

Gerade Welpen und unsichere Hunde fühlen sich in einem abgegrenzten Bereich wohler als in einer leeren Wohnung, in der sie nicht wissen, wohin sie sollen. Eine Hundebox als freiwilliger Rückzugsort kann dabei sehr hilfreich sein – sofern sie positiv eingeführt wurde.

Ist eine Box oder ein abgetrennter Bereich sinnvoll?

Ja – wenn die Box als sicherer Ort und nicht als Strafe eingeführt wurde. Zwang ist kontraproduktiv.

Viele Hunde schlafen in der Box freiwillig, weil sie dort Sicherheit gefunden haben. Das ist das Ziel. Eine Box, in die der Hund hineingezwungen wird, erzeugt das Gegenteil – und verstärkt Angst statt sie zu reduzieren.

Was mache ich, wenn mein Hund die Wohnung zerstört?

Nicht bestrafen – der Hund verbindet die Strafe nicht mit dem Verhalten von vor einer Stunde. Stattdessen: Ursache analysieren und Training anpassen.

Zerstörungsverhalten beim Alleinsein ist fast immer ein Symptom, kein Charakterfehler. Stress, Unterforderung oder echte Trennungsangst sind die häufigsten Ursachen. Wer seinen Hund nach der Rückkehr schimpft, beschädigt das Vertrauen – ohne das Problem zu lösen.

Warum wird mein Hund unsauber, wenn er alleine ist?

Unsauberkeit beim Alleinsein ist oft stressbedingter Kontrollverlust – kein Trotz und keine Absicht.

Der Körper unter Stress produziert Cortisol, das die Blasenkontrolle direkt beeinflusst. Ein ängstlicher Hund kann schlicht nicht anders. Bestrafung verschlimmert das Problem. Häufigere Gassi-Gänge und Stressreduktion helfen deutlich mehr.

Wie kann ich übermäßiges Bellen beim Alleinsein stoppen?

Durch gezieltes Training, nicht durch Strafmaßnahmen. Bellhalsband oder Schimpfen per Intercom verschlimmern die Situation meist.

Das Bellen ist ein Kommunikationsversuch – meistens Ausdruck von Stress. Wer die Ursache löst, löst das Bellen. Kamerasysteme helfen dabei zu verstehen, wann und wie heftig der Hund reagiert.

Wann sollte ich professionelle Hilfe bei einem Hundetrainer suchen?

Spätestens dann, wenn der Hund trotz konsequentem Training nicht ruhiger wird, sollte ein qualifizierter Verhaltenstherapeut hinzugezogen werden.

Trennungsangst ist kein Erziehungsproblem, das sich mit „mehr Konsequenz“ löst. Wer drei bis vier Wochen ernsthaft trainiert hat und keine Verbesserung sieht, braucht professionelle Einschätzung – je früher, desto besser.

Welche Trainingsmethoden sind bei Trennungsangst erfolgreich?

Systematische Desensibilisierung und Gegenkonditionierung sind die wissenschaftlich am besten belegten Methoden.

Das bedeutet: Den Hund so langsam und kontrolliert mit Alleinsein konfrontieren, dass er nie in den Panikbereich gelangt. Gleichzeitig wird das Alleinsein mit positiven Reizen verknüpft. Das braucht Zeit – zeigt aber nachhaltige Ergebnisse.

Können Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel bei Trennungsangst helfen?

Ja – als ergänzende Maßnahme, nicht als Ersatz für Training. Natürliche Mittel können helfen, Psychopharmaka kommen bei schweren Fällen infrage.
  • Adaptil-Diffusor (synthetisches Hundemutter-Pheromon)
  • L-Theanin oder Casein-haltige Präparate aus der Apotheke
  • Entspannungsmusik (z. B. iCalmDog)
  • Veterinär-verschriebene Anxiolytika bei schwerer Trennungsangst

Psychopharmaka sind kein letzter Ausweg – bei schwerer Angst können sie das Training erst ermöglichen, indem sie den Stresslevel senken. Das entscheidet der Tierarzt.

Kann ich meinen Hund mit einer Kamera überwachen?

Ja – und es ist eine der wertvollsten Investitionen für Halter. Du siehst, was wirklich passiert – und kannst gezielt reagieren.

Modelle wie Furbo oder Petcube bieten Zweiwegkommunikation und Futterwurf. Letzteres kann aber bei ängstlichen Hunden kontraproduktiv sein, wenn die Stimme des Halters den Hund aus dem Ruhezustand reißt. Beobachten: ja. Eingreifen per Mikrofon: nur mit Bedacht.

Was mache ich, wenn ich länger arbeiten muss, als mein Hund alleine bleiben kann?

Hundesitter, Nachbarn, Familienmitglieder oder eine Hundetagesstätte sind realistische Lösungen – keine Ausreden.
  • Professioneller Hundesitter: 15–30 € pro Besuch je nach Region
  • Hundetagesstätte: 20–40 € pro Tag
  • Nachbarschaftshilfe oder Hundefreunde-Netzwerke
  • Mittagspause zuhause einplanen, wenn möglich

Kann ein zweiter Hund helfen, damit mein Hund besser alleine bleibt?

Manchmal – aber nicht als Allheilmittel. Ein zweiter Hund löst keine Trennungsangst, wenn der erste Hund auf seinen Menschen fixiert ist und nicht auf andere Hunde.

Wer einen zweiten Hund holt, um das Alleinsein-Problem zu lösen, erlebt oft: Zwei Hunde, dieselbe Angst. Ein Artgenosse kann durchaus beruhigend wirken – aber nur wenn die Bindung stimmt und der ängstliche Hund grundsätzlich offen für Hundekontakt ist.

Welche Fehler sollte ich beim Training vermeiden?

Zu schnell steigern, bei Winseln zurückkehren, dramatische Abschiede und Bestrafung nach der Rückkehr sind die häufigsten Trainingsfehler.
  • Zu früh zu lange wegbleiben
  • Den Hund beim Bellen oder Winseln beruhigen – das verstärkt das Verhalten
  • Inkonsistente Regeln (mal Box, mal freie Wohnung)
  • Bestrafung nach der Rückkehr
  • Kein Training an freien Tagen (der Hund muss auch dann kurz alleine können)

Warum funktioniert das Training bei meinem Hund nicht?

Häufige Gründe: zu schnelles Vorankommen, unterschätzter Stresslevel, fehlende Konsistenz oder eine zugrunde liegende Angststörung, die professionelle Hilfe erfordert.

Manchmal liegt es schlicht daran, dass eine Methode nicht zum Hund passt. Manche reagieren besser auf Ortswechsel, andere auf bestimmte Spielzeuge. Wenn nach vier bis sechs Wochen ernsthaftem Training keine Fortschritte sichtbar sind, ist das keine Schwäche – das ist das Signal, Verstärkung zu holen.

Häufige Fragen zum Thema Hund alleine lassen

Darf man einen Hund täglich 8 Stunden alleine lassen?

Nein, das ist aus tierschutzrechtlicher und verhaltensbiologischer Sicht nicht vertretbar. 8 Stunden täglich alleine überschreitet die artgerechte Grenze für die meisten Hunde deutlich. Alternativen wie Hundesitter oder Tagesstätte sollten geprüft werden.

Wann sollte ich einen Tierarzt wegen Trennungsangst aufsuchen?

Wenn dein Hund sich trotz Training sichtbar verletzt, körperliche Symptome wie Durchfall oder Erbrechen zeigt oder das Bellen den Alltag aller Beteiligten belastet – dann ist der Tierarzt die erste Anlaufstelle, noch vor dem Trainer.

Hilft ein Adaptil-Diffusor wirklich bei Trennungsangst?

Für manche Hunde ja – Studien zeigen eine moderate angstmindernde Wirkung, besonders in Kombination mit Training. Als alleinige Maßnahme reicht er bei echter Trennungsangst in der Regel nicht aus.

Wie lange dauert das Alleine-Bleiben-Training in der Regel?

Je nach Ausgangslage zwischen zwei Wochen und mehreren Monaten. Hunde ohne Vorerfahrung lernen es oft schneller. Hunde mit bestehender Trennungsangst brauchen deutlich länger – Konsistenz schlägt Tempo.

Sollte ich meinen Hund füttern, bevor ich weggehe?

Nicht unmittelbar davor. Eine Mahlzeit kurz vor dem Weggehen kann Verdauungsstress verstärken. Idealerweise fütterst du 30–60 Minuten vorher, damit der Hund entspannt und leicht müde ist.

Fazit

Hund alleine lassen ist kein Problem, das sich von selbst löst – aber eines, das sich mit Geduld, Konsequenz und dem richtigen Wissen in den Griff bekommen lässt. Wer versteht, dass ein Hund Alleinsein lernen muss wie jede andere Fähigkeit, hat die wichtigste Einsicht bereits gewonnen. Fangt klein an, bleibt konsistent, und sucht euch Unterstützung, wenn ihr alleine nicht weiterkommt. Euer Hund wird es euch danken – meistens mit einer Ruhe, die man sich in den ersten Wochen kaum vorstellen kann.

Andrea Müller